Weinwissen

Natural Wines

Der Begriff „Natural Wine“ unterliegt nicht wirklich weinrechtlichen Bedingungen, sodass diese Bezeichnung oft keine detaillierte Auskunft über den Herstellungsprozess oder die Ausbauform des Flascheninhalts gibt. Ob der Wein sich nun Alternativwein, Amphorenwein, Artisan Wine, Naturwein, Raw Wine oder Pét-Nat (die schäumende Variante) nennt, ist nicht klar geregelt. Die gängige Meinung basiert auf folgenden Grundlagen:

  • Biologischer oder biodynamischer Weinbau – egal ob mit oder ohne Zertifizierung
  • Von Hand gelesene Trauben
  • Spontane Gärung ohne Einsatz von Zusatz- und/oder Laborhefe
  • Keine Zusätze zum Most bzw. keine Anpassung des Mosts: keine Säuerung,

keine Chaptalisation (Zugabe von Zucker zum Most zur Bestimmung des Alkoholgehalts) und kein Zusatz von Hefenährstoffen oder Enzymen

  • Keine starke Bearbeitung des Weins, z.B. mittels Schleuderkegelkolonne (Gerät um flüchtige Verbindungen aus Wein abzutrennen), Umkehrosmose (Veränderung der Konzentration des Fruchtgehalts), Mikrooxygenierung (Optimierung des Sauerstoffeintrags) oder Kryoextraktion (Verfahren das mittels Kälte Stoffe separiert).
  • Keine Filtration
  • Keine Schönung
  • Minimale oder gar keine Schwefelzugabe

Für die Puristen der Szene gelten außerdem noch die folgenden Grundsätze:

  • Absolut keinen Zusatz von Schwefel
  • Keine Hemmung der malolaktischen Gärung bei Weißweinen
  • Keinerlei Beeinflussung der Gärungstemperatur
  • Kein Einsatz neuer Eiche

Im Gegensatz zum Orange Wein ist der Begriff Naturwein umstritten, da jeder der seinen Wein als solches etikettiert damit unterstellt, dass die Konkurrenz kein natürliches Produkt erzeuge. Der altehrwürdige VDP (Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter e.V.) hieß ursprünglich der Verband der Naturweinversteigerer und musste genau deswegen umbenannt werden, um nicht in Verdacht zu geraten, sich über den Namen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen zu wollen. Denn es gilt: Jeder Wein ist ein Naturprodukt.

„Gute Natural Wines sind vibrierend und lebendig, zeigen aufregende unterschiedliche Charaktere voller Emotionen“, sagt Isabelle Legeron (erste und einzige Trägerin des „Master of Wine“ Titels in Frankreich), wo hingegen die kritischen Stimmen behaupten, dass es lediglich darum gehe, mögliche Fehler in einem Wein zu verzeihen. Tatsächlich dürfen Raw Wines nicht als Qualitätsweine vermarktet werden, da viele allein schon der sensorischen Prüfung nicht entsprechen würden, was aber keinesfalls abwertend zu verstehen ist.

Ob Orange Wine jemals klaren Produktionsregeln unterliegen wird hängt auch davon ab wie sehr er das derzeitige Nischen Dasein überwinden kann und in der Lage ist eine größere Konsumgruppe anzusprechen. Das Endprodukt kann bezüglich Farbe, Geruch und Geschmack extrem unterschiedlich sein, da die Gärung, die nun überwiegend auf der Maische stattfindet, den Tropfen oft oxidative, vergorene Noten verleiht, die Farbe ungetrübt im Glas zum Vorschein bringt und letzten Endes der Geschmack mehr Komplexität in sich birgt. Sicherlich oft auch gewöhnungsbedürftig, macht dieses besondere Geschmacksprofil jedes Glas unglaublich spannend und zeigt wie vielfältig Weinreben verarbeitet werden können.