Wir trinken weniger Wein. Ist das wirklich ein Problem?

Rotweinglas auf einem gedeckten Tisch – Stimmungsbild zum Thema Weinkonsum und Weinkultur

Wir trinken weniger Wein.

Weniger Bier übrigens auch. Und gerade jüngere Menschen gehen mit Alkohol anders um als Generationen vor ihnen.

Für die Weinbranche klingt das erstmal nach einer ziemlich schlechten Nachricht.

Für mich als Weinhändler ist die Sache komplizierter.

Natürlich möchte ich Wein verkaufen. Das ist mein Beruf. Aber ich glaube nicht, dass die Zukunft von Wein darin liegen kann, Menschen davon zu überzeugen, möglichst viel davon zu trinken.

Vielleicht müssen wir über etwas anderes sprechen.

Über weniger trinken. Und darüber, ob das vielleicht sogar zu besserem Weintrinken führen kann.

Der Weinkonsum geht zurück

Die Zahlen sind ziemlich eindeutig.

Im Weinwirtschaftsjahr 2023/24 wurden in Deutschland durchschnittlich 22,2 Liter Stillwein pro Person ab 16 Jahren konsumiert. Damit setzte sich der Rückgang des Pro-Kopf-Verbrauchs bereits im dritten Jahr in Folge fort. (Deutsche Weine)

Auch bei den Weingütern selbst kommt die Entwicklung an. 2024 lag ihr durchschnittlicher Absatz nur noch bei 88 Prozent des Niveaus von 2021. Höhere Verkaufspreise konnten den Mengenrückgang nur teilweise auffangen. (Deutsche Weine)

Das ist kein kurzfristiger Social-Media-Trend. Unsere Beziehung zu Alkohol verändert sich. Und vielleicht wäre es falsch, das ausschließlich als Krise zu betrachten.

Denn hinter der Zahl steckt nicht nur die Frage: Wie viel trinken wir? Sondern zunehmend: Warum trinken wir überhaupt?

Ich verkaufe Alkohol. Das sollte man nicht wegdiskutieren.

Vielleicht muss man das als Weinhändler auch einfach einmal so klar sagen.

Wein enthält Alkohol. Und Alkohol ist gesundheitlich nicht neutral.

Für das Krebsrisiko lässt sich nach heutigem wissenschaftlichem Stand keine vollständig sichere Konsummenge definieren. Auch geringe Mengen können das Risiko erhöhen, und mit zunehmender konsumierter Menge steigt das Risiko weiter. (Weltgesundheitsorganisation)

Das ändert sich nicht dadurch, dass eine Flasche biodynamisch erzeugt wurde. Nicht dadurch, dass die Trauben von Hand gelesen wurden. Und auch nicht dadurch, dass der Winzer drei Hektar besitzt und wunderschöne Etiketten macht.

Ein handwerklicher Naturwein enthält genauso Alkohol. Das gehört zur Wahrheit dazu. Aber für mich ist es eben nicht die ganze Wahrheit.

Wein ist auch Kultur

Denn Wein ausschließlich über seinen Alkoholgehalt zu betrachten, greift für mich genauso zu kurz.

Weinbau hat Landschaften geprägt. Wissen über Rebsorten, Böden, Jahreszeiten, Kellerarbeit und Landwirtschaft wird teilweise seit Generationen weitergegeben.

Die Weinkultur in Deutschland ist im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes eingetragen. Gemeint ist dabei nicht der Alkohol an sich, sondern die Kultur rund um Weinbau, Wissen, Bräuche und gesellschaftliches Leben. (Deutsche UNESCO-Kommission)

Ich interessiere mich nicht für Wein, weil er Alkohol enthält. Ich interessiere mich für Wein, weil eine Flasche unglaublich viel erzählen kann. Über einen Ort. Über ein Jahr. Über eine Rebsorte. Und vor allem über den Menschen, der sie gemacht hat.

Für mich gehören Essen und Wein zusammen

Vielleicht wird es an dieser Stelle persönlicher.

Für mich gehört eine gute Flasche Wein zu einem guten Essen. Nicht zwingend zu jedem Essen. Und sicherlich nicht jeden Abend.

Aber es gibt diese Abende, an denen eine Flasche auf dem Tisch steht und einfach Teil des Ganzen wird. Man kocht. Jemand bringt Brot mit. Noch jemand Käse. Die erste Flasche wird geöffnet. Man redet vielleicht drei Minuten über den Wein. Danach über alles andere. Und irgendwann stellt man fest, dass man seit fünf Stunden am Tisch sitzt.

Genau das ist für mich Weinkultur. Nicht Punkte. Nicht Jahrgangstabellen. Nicht die Frage, wer das teuerste Etikett mitgebracht hat. Sondern eine Flasche in der Mitte eines Tisches, die Menschen teilen. Freunde. Familie. Essen. Gespräche.

Das lässt sich schwer in einer Statistik zum Alkoholkonsum abbilden. Trotzdem gehört es dazu.

Mehr dazu: Wein zum Essen: Was wirklich passt – und warum die Regeln oft überschätzt werden

Romantik darf Risiken nicht verschwinden lassen

Natürlich kann man diese Vorstellung sehr schnell romantisieren. Langes Abendessen. Freunde. Eine Flasche Wein. Alles schön.

Aber genau deshalb finde ich die Diskussion interessant. Wein kann gleichzeitig Kulturgut und alkoholisches Getränk sein. Diese beiden Dinge widersprechen sich nicht.

Wir müssen nicht behaupten, Wein sei eigentlich gar kein Alkohol, nur weil wir seine Kultur erhalten möchten. Und wir müssen genauso wenig jeden gesellschaftlichen und kulturellen Wert von Wein ignorieren, nur weil Alkohol gesundheitliche Risiken besitzt.

Die entscheidende Frage ist für mich: Welche Rolle soll Wein in unserem Leben spielen?

Die Menge macht einen Unterschied

Ich würde deshalb auch nicht sagen: „Die Dosis macht das Gift.“ Der Satz klingt gut. Beim Thema Alkohol kann er aber schnell so verstanden werden, als gäbe es unterhalb einer bestimmten Grenze überhaupt kein gesundheitliches Risiko. Das lässt sich so nicht behaupten.

Der bessere Satz ist: Die Menge macht einen Unterschied.

Denn beim alkoholbedingten Krebsrisiko besteht ein Zusammenhang zwischen der konsumierten Menge und dem Risiko: Mehr Alkohol bedeutet mehr Risiko. Eine risikofreie Schwelle lässt sich daraus aber nicht ableiten. (Weltgesundheitsorganisation)

Und genauso gibt es einen Unterschied zwischen bewusstem Genuss und automatischem Konsum. Vielleicht sollten wir genau darüber häufiger reden. Nicht darüber, wie wir möglichst viele Flaschen leer bekommen. Sondern darüber, wann wir überhaupt eine öffnen wollen.

Vielleicht muss Wein nicht jeden Tag stattfinden

Das ist wahrscheinlich die unpopulärere Aussage eines Weinhändlers: Ich finde es vollkommen okay, nicht jeden Tag Wein zu trinken.

Mehr noch: Ich glaube, Wein kann sogar gewinnen, wenn er nicht zur Routine wird. Wenn eine Flasche wieder einen Anlass bekommt. Nicht unbedingt Geburtstag, Weihnachten oder Hochzeit. Ein gutes Abendessen reicht. Freitagabend. Freunde kommen vorbei. Eine neue Flasche, auf die man neugierig ist.

Vielleicht steht sie sogar am nächsten Tag noch halbvoll im Kühlschrank. Auch das ist kein Scheitern.

Ich brauche niemanden, der möglichst viel Wein trinkt. Ich brauche Menschen, die sich für Wein interessieren.

Gleichzeitig steckt der Weinbau tief in der Krise

An dieser Stelle wird es komplizierter. Denn weniger Alkoholkonsum kann gesellschaftlich eine sinnvolle Entwicklung sein. Für viele Winzer ist der sinkende Absatz wirtschaftlich trotzdem brutal.

Der deutsche Weinbau steht aktuell unter massivem Druck. Sinkende Nachfrage trifft auf höhere Kosten, internationalen Wettbewerb und einen teilweise extremen Preisverfall. Noch im April 2026 wurde die Lage öffentlich als Krise beschrieben; der Deutsche Weinbauverband reagiert unter anderem mit Forderungen nach Marktstabilisierung und einem Stopp neuer Rebflächen. (17:30 Live Rheinland Pfalz/Hessen)

Besonders drastisch ist die Situation dort, wo Wein als Fassware verkauft wird. 2025 wurden teilweise nur noch etwa 40 Cent pro Liter erzielt, während Produktionskosten mit ungefähr 1,20 Euro pro Liter angegeben wurden. (Bioland)

Das kann auf Dauer nicht funktionieren.

Müssen jetzt wirklich 20 oder 30 Prozent der Winzer aufgeben? Diese Zahl taucht häufig auf. Die rheinland-pfälzische Weinbauministerin Daniela Schmitt warnte 2025 vor einer massiven Marktbereinigung und sprach davon, dass 20 bis 30 Prozent der Betriebe verschwinden könnten. (Deutschlandfunk)

Wichtig ist die Formulierung: Das sind nicht 20 bis 30 Prozent bereits insolvente Weingüter. Es ist eine Prognose für eine mögliche strukturelle Bereinigung des Marktes. Trotzdem zeigt sie, wie ernst die Situation ist.

Und genau hier wird die Diskussion für mich als Weinhändler besonders interessant. Denn wenn wir weniger trinken, wird wichtiger, was wir trinken und wo wir es kaufen.

Nicht jede Flasche verteilt ihr Geld gleich

Eine Flasche aus einem aggressiven Preiskampf funktioniert wirtschaftlich anders als die Flasche eines kleinen Betriebs, der wenige Hektar bewirtschaftet, selbst arbeitet, selbst ausbaut, abfüllt und direkt verkauft.

Das bedeutet nicht: Kauft teuren Wein, sonst sterben die Winzer. So einfach ist es nicht.

Aber hinter jeder Flasche steht Landwirtschaft. Menschen schneiden Reben im Winter. Sie arbeiten im Weinberg, bevor überhaupt feststeht, wie gut die Ernte wird. Sie investieren in Keller, Flaschen, Maschinen und Personal, lange bevor eine einzige Flasche verkauft wurde.

Wenn Wein dauerhaft nur über den niedrigsten Preis funktioniert, wird genau diese Form von Weinbau schwerer aufrechtzuerhalten.

Vielleicht liegt deshalb in sinkendem Konsum auch eine Chance. Nicht darin, Menschen zum Mehrtrinken zu bewegen. Sondern darin, weniger Volumen mit mehr Wertschätzung zu verbinden.

Weniger, aber bewusster?

„Weniger, aber besser“ ist schnell eine Marketingfloskel. Deshalb mag ich den Satz eigentlich nicht besonders. Die Idee dahinter finde ich trotzdem interessant.

Wenn insgesamt weniger Wein gekauft wird, kann die einzelne Flasche wichtiger werden. Vielleicht kaufen wir nicht fünf austauschbare Flaschen. Vielleicht kaufen wir zwei, bei denen uns interessiert, wer sie gemacht hat.

Das ist keine Garantie dafür, dass kleine Betriebe überleben. Aber es verschiebt die Frage von: Wie bekommen wir den Pro-Kopf-Verbrauch wieder hoch? Zu: Welche Form von Weinbau möchten wir mit unserem Geld unterstützen?

Für mich ist das die wesentlich interessantere Diskussion.

Kleine Winzer brauchen nicht zwingend mehr Durst

Gerade bei vielen Winzern, mit denen wir gerne arbeiten, geht es selten um maximale Mengen. Viele bewirtschaften kleine Flächen. Sie arbeiten aufwändig. Lesen teilweise von Hand. Experimentieren mit alten Rebsorten, einzelnen Parzellen oder unterschiedlichen Ausbauformen.

Ihre Zukunft hängt nicht ausschließlich davon ab, dass jeder Mensch zehn Flaschen mehr im Jahr trinkt. Sie hängt auch davon ab, welche Flaschen gekauft werden. Wo das Geld landet. Und ob wir bereit sind, Wein nicht ausschließlich nach dem niedrigsten Preis auszuwählen.

Für mich ist deshalb die interessantere Entwicklung nicht: mehr Konsum. Sondern: mehr Interesse.

Und manchmal ist die richtige Flasche alkoholfrei

Zu einem zeitgemäßen Umgang mit Wein gehört für mich noch etwas: Gute alkoholfreie Alternativen. Nicht als Alibi. Nicht irgendein süßer Traubensaft für die Person, die fahren muss. Sondern Getränke, die genauso selbstverständlich auf einem Tisch stehen können wie Wein.

Die Nachfrage entwickelt sich bereits deutlich in diese Richtung. In einer Analyse von 506 deutschen Weinbaubetrieben führte 2025 bereits rund jeder dritte Betrieb alkoholfreie Weine. Bei diesen Betrieben stieg der Absatz alkoholfreier Weine gegenüber dem Vorjahr um 61 Prozent. (Deutsche Weine)

Das ist keine kleine Randbewegung mehr. Und ich finde diese Entwicklung gut.

Unsere alkoholfreien Alternativen: Entalkoholisierter Wein und Sparkling Tea.

Alkoholfrei muss kein Ersatz sein

Mich interessiert dabei weniger die Idee: „Wir bauen Wein exakt nach – nur ohne Alkohol.“ Spannender finde ich Getränke, die eigenständig funktionieren.

Fermentation. Tee. Kräuter. Verjus. Frucht. Säure. Bitterkeit. Textur. Dinge, die beim Essen genauso Spannung erzeugen können wie Wein.

Denn wenn vier Menschen an einem Tisch sitzen, muss nicht jeder automatisch Wein trinken. Vielleicht trinken zwei Wein. Eine Person fährt. Eine andere hat einfach keine Lust auf Alkohol. Vielleicht beginnt man mit einer Flasche Wein und trinkt danach alkoholfrei weiter. Das sollte keinen Unterschied darin machen, wie gut der Abend wird.

Vielleicht verändert sich gerade nicht Wein – sondern unsere Vorstellung davon

Lange war Alkohol gesellschaftlich erstaunlich selbstverständlich. Feiern? Alkohol. Restaurant? Alkohol. Freitagabend? Alkohol. Nicht mitzutrinken erforderte manchmal fast mehr Erklärung als mitzutrinken.

Das verändert sich.

Und ich glaube, die Weinbranche macht einen Fehler, wenn sie diese Entwicklung ausschließlich bekämpft. Wir sollten Menschen nicht davon überzeugen, dass sie eigentlich mehr trinken müssten. Wir sollten ihnen zeigen, warum Wein interessant sein kann, wenn sie sich dafür entscheiden. Das ist etwas völlig anderes.

Eine Flasche darf wieder Bedeutung haben

Vielleicht ist genau das die Zukunft von Wein, die mich interessiert.

Weniger Selbstverständlichkeit. Mehr Neugier.

Eine Flasche von einem kleinen Winzer. Eine Rebsorte, die man noch nicht kennt. Ein Orange Wine, der beim ersten Schluck irritiert. Ein Riesling, der nach zehn Minuten im Glas plötzlich komplett anders riecht. Ein Rotwein aus dem Kühlschrank. Ein Pét-Nat zum Essen.

Und an einem anderen Abend eben etwas Alkoholfreies.

Wein muss nicht jeden Moment besetzen. Vielleicht reicht es, wenn er die richtigen besser macht.

Ist weniger Weinkonsum also ein Problem?

Für die Weinbranche wirtschaftlich? Ja. Die rückläufigen Absätze und der Preisdruck treffen Betriebe bereits heute sehr real. Manche werden diese Entwicklung vermutlich nicht überstehen. (Deutsche Weine)

Gesellschaftlich und gesundheitlich? Nicht zwangsläufig.

Und kulturell? Da bin ich mir überhaupt nicht sicher, ob weniger überhaupt Verlust bedeuten muss.

Vielleicht verlieren wir gerade nicht die Weinkultur. Vielleicht verändert sie sich. Weg vom selbstverständlichen Konsum. Hin zu bewussteren Entscheidungen. Zu besseren alkoholfreien Optionen. Zu weniger Flaschen, über die man nicht nachdenkt. Und vielleicht zu mehr Flaschen, an die man sich erinnert.

Ich verkaufe Wein. Ich möchte auch morgen noch Wein verkaufen. Aber ich möchte nicht davon leben müssen, dass Menschen möglichst viel Alkohol trinken.

Ich möchte davon leben, dass sie neugierig bleiben. Auf Geschmack. Auf Handwerk. Auf Winzer. Auf gutes Essen. Und auf diese Abende, an denen eine Flasche in der Mitte des Tisches steht und irgendwann eigentlich niemand mehr darüber redet.

Weil gerade etwas anderes wichtiger geworden ist. Der Abend selbst.

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